Divertikulitis: Antibiotika, Schonkost – und die OP-Regel, die überholt ist
Antibiotika sind bei einer unkomplizierten Divertikulitis nicht automatisch nötig — und die Regel „nach dem dritten Schub wird operiert“ gilt nicht mehr.
Muss bei einer Divertikulitis immer ein Antibiotikum gegeben werden?
Nein, nicht immer. Bei einer akuten, unkomplizierten Divertikulitis auf der linken Seite — ohne Abszess, ohne Durchbruch, ohne Risikofaktoren für einen schweren Verlauf — kann unter engmaschiger Kontrolle auf ein Antibiotikum verzichtet werden. So steht es in der deutschen S3-Leitlinie. Der Bedingungsteil zählt: Die Entscheidung fällt nach Untersuchung und Bildgebung (Ultraschall oder CT), nicht nach Gefühl. Fieber, schlechter Allgemeinzustand, Immunsuppression oder relevante Begleiterkrankungen sprechen weiterhin dafür.
Stimmt es, dass nach dem dritten Schub operiert wird?
Diese Regel ist überholt. Die Leitlinie sagt heute ausdrücklich: Nach einer akuten unkomplizierten Divertikulitis soll bei beschwerdefreien Patienten keine vorsorgliche Entfernung des betroffenen Darmabschnitts (Sigmaresektion) erfolgen — unabhängig von Vorerkrankungen. Und die Operationsindikation soll nicht an die Zahl der Schübe geknüpft werden. Der Grund: Das Risiko für einen weiteren Schub steigt mit jedem Schub, das Risiko für einen Durchbruch ist aber beim ersten Schub am höchsten und sinkt danach.
Operiert wird, wenn die Entzündung den Darm schädigt: bei freier Perforation mit Bauchfellentzündung als Notfall — nach der Leitlinie innerhalb von 6 Stunden — und bei einem größeren Abszess. Nach einem großen Abszess kann eine Operation im entzündungsfreien Intervall angeboten werden, und dort ist sie sinnvoll: Etwa die Hälfte der Betroffenen bekommt in den folgenden Jahren erneut eine Divertikulitis.
Wie lange Schonkost — und wann wieder Ballaststoffe?
Während des akuten Schubs ist leichte Kost üblich, ein striktes Fasten ist nicht nötig. Danach gilt: zügig wieder normal essen. Ballaststoffe sind sinnvoll — mindestens 30 g am Tag, vor allem aus Obst, Gemüse und Vollkorngetreide —, aber als allgemeine Ernährung, nicht als bewiesener Schutz vor dem nächsten Schub: Für eine ballaststoffreiche Diät oder Präparate zur Vorbeugung nach einem Schub gibt es keine ausreichende Evidenz (Siehe auch: Verstopfung).
Was tatsächlich hilft
Ein Druckgefühl oder Zwicken links im Unterbauch kann nach einem abgeklungenen Schub noch eine Weile bleiben. Meist ist das kein Notfall — aber kein Grund, es zu ignorieren: Einmal kontrollieren lassen, dass keine schleichende Entzündung, kein Abszess und keine Engstelle dahintersteckt. Und weil bei einer Darmspiegelung nach einer Divertikulitis häufiger Adenome oder Karzinome gefunden werden, ist eine Koloskopie sinnvoll, wenn noch nie eine gemacht wurde — mit Abstand zum akuten Schub. Hilfreich im Alltag: viel trinken, in Bewegung bleiben, nach dem Schub zurück auf ballaststoffreiche Kost (Siehe auch: Darmspiegelung).
Wann Sie nicht abwarten sollten
Bei Fieber, zunehmenden oder sehr starken Bauchschmerzen, einer harten, abwehrgespannten Bauchdecke, Blut im Stuhl, fehlendem Wind- und Stuhlabgang, wiederholtem Erbrechen oder wenn Sie sich zunehmend schlecht fühlen: am selben Tag ärztlich abklären lassen, im Zweifel in einer Notaufnahme. Diese Zeichen können auf einen Durchbruch oder eine Bauchfellentzündung hinweisen.
Was Sie mitnehmen können
- Bei einer unkomplizierten Divertikulitis ist ein Antibiotikum nicht automatisch nötig — die Entscheidung fällt nach Untersuchung und Bildgebung.
- „Nach dem dritten Schub wird operiert" gilt nicht mehr; nach beschwerdefreiem unkompliziertem Verlauf wird nicht vorsorglich operiert.
- Operiert wird bei Durchbruch, Bauchfellentzündung oder größerem Abszess — nach einem großen Abszess ist das Rückfallrisiko deutlich höher.
- Ballaststoffe (mindestens 30 g/Tag) sind sinnvoll, aber kein bewiesener Schutz vor dem nächsten Schub.
Sources
• S3-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis (AWMF 021-020), Langfassung 2022: PDF
• Cochrane-Übersicht Antibiotika bei unkomplizierter Divertikulitis: PubMed
• DINAMO-Studie (ambulant ohne Antibiotika): PubMed
• Einzelpatienten-Metaanalyse zu Antibiotika: PubMed
• IQWiG, gesundheitsinformation.de — Operation bei Divertikulitis: Quelle
References
• Leifeld L, Germer CT, Böhm S, Dumoulin FL, Frieling T, et al. S3-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis. Z Gastroenterol. 2022;60:613-688. DOI: 10.1055/a-1741-5724. AWMF-Registernummer 021-020
• Dichman ML, Rosenstock SJ, Shabanzadeh DM. Antibiotics for uncomplicated diverticulitis. Cochrane Database Syst Rev. 2022;6(6):CD009092. PMID: 35731704. DOI: 10.1002/14651858.CD009092.pub3
• Mora-López L, Ruiz-Edo N, Estrada-Ferrer O, et al. Efficacy and Safety of Nonantibiotic Outpatient Treatment in Mild Acute Diverticulitis (DINAMO-study): A Multicentre, Randomised, Open-label, Noninferiority Trial. Ann Surg. 2021;274(5):e435-e442. PMID: 34183510. DOI: 10.1097/SLA.0000000000005031
• van Dijk ST, Chabok A, Dijkgraaf MG, Boermeester MA, Smedh K. Observational versus antibiotic treatment for uncomplicated diverticulitis: an individual-patient data meta-analysis. Br J Surg. 2020;107(8):1062-1069. PMID: 32073652. DOI: 10.1002/bjs.11465
Keine individuelle medizinische Beratung – dieser Text ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung.