Gallensteine: Sind es wirklich die Steine, die wehtun?

Steine im Ultraschall sind noch keine Antwort: Woran man eine echte Gallenkolik erkennt, wann die Gallenblase entfernt werden sollte – und wann Abwarten vertretbar ist.

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Filz-Diorama: ein grauer Filzstein liegt auf einem Holzbrett, daran hängt ein kleines gesticktes Zifferblatt
Illustration: sabry.io

Sind es überhaupt die Steine?

Der Ultraschall beantwortet die Frage „Steine: ja oder nein" — meist abschließend und ohne weitere Untersuchung. Ob die Steine auch die Beschwerden machen, beantwortet er nicht. Dafür braucht es das Muster: typisch sind Schmerzen rechts oben unter dem Rippenbogen, die in Wellen kommen, eine halbe bis eine Stunde nach dem Essen oder nachts, in die rechte Schulter oder zwischen die Schulterblätter ausstrahlen und mit Übelkeit einhergehen. Genau dieses Muster meint die Leitlinie mit „charakteristischen biliären Schmerzen". Spricht etwas dagegen — Dauerschmerz statt Wellen, Schmerz unabhängig vom Essen, Sodbrennen im Liegen, viel Luft im Bauch —, dann kann auch der Magen, der Zwölffingerdarm oder die Wirbelsäule die Ursache sein, und die Steine sind ein Zufallsbefund (Siehe auch: Sodbrennen).

Muss die Gallenblase jetzt raus?

Bei Steinen plus charakteristischen Koliken empfiehlt die S3-Leitlinie die Entfernung der Gallenblase — nicht nur gegen die nächste Schmerzattacke, sondern auch um Komplikationen zu verhindern (Empfehlung IIIB.1). „Empfohlen" heißt aber nicht „heute Nacht": Bei unkomplizierter Erkrankung ist die Operation eine elektive Entscheidung. Die bisher größte randomisierte Studie (434 Betroffene) fand nach 18 Monaten keinen Unterschied in der Schmerz-Lebensqualität zwischen Operation und Zuwarten — allerdings wurde in der Zuwarten-Gruppe jeder Vierte doch operiert. Steine ohne jede Beschwerde sind dagegen in der Regel kein Operationsgrund (Empfehlung IIIB.3): 60 bis 80 Prozent der Steinträger bleiben dauerhaft beschwerdefrei, das Risiko einer Komplikation liegt bei 0,1 bis 0,3 Prozent pro Jahr. Ausnahmen sind eine verkalkte „Porzellangallenblase", Steine über drei Zentimeter und Beschwerden in der Schwangerschaft — dort wird die Operation auch im Verlauf der Schwangerschaft empfohlen. Nach einer Schwangerschaft sind Steine häufig: Bei mindestens fünf Prozent der Schwangeren bilden sie sich neu, und wer in der Schwangerschaft Koliken hatte, bekommt sie in mehr als der Hälfte der Fälle wieder (Siehe auch: Gallenblase entfernt).

Was hilft bei einer Kolik — und was bringt fettarmes Essen?

Eine akute Kolik wird mit einem nichtsteroidalen Antiphlogistikum behandelt, also Ibuprofen oder Diclofenac (Empfehlung IIIA.3); Wärme und eine halbwegs fettarme Mahlzeit am selben Tag helfen zusätzlich. Eine dauerhaft fettarme Ernährung ist dagegen keine Behandlung der Gallensteinkrankheit: Die Cochrane-Übersicht von 2024 fand für eine veränderte Fettzufuhr keine belastbaren Daten — die Evidenz ist spärlich, brauchbare randomisierte Studien fehlen. Wer nach dem Essen Beschwerden hat, merkt das schnell selbst; ein starres Diätregime ersetzt keine Diagnostik und keine Entscheidung.

Was tatsächlich hilft

Vier Wochen lang notieren, wann der Schmerz kommt, wie lange er dauert, was kurz davor gegessen wurde und ob er in die Schulter zieht. Dieses Muster ist im Gespräch mehr wert als der Satz „ich habe Steine". Zum Termin den Ultraschallbefund mitnehmen und drei Dinge fragen: Passen die Beschwerden zum Befund? Gibt es Zeichen einer Komplikation? Was passiert, wenn ich zuwarte? Bei einer Kolik früh ein Schmerzmittel nehmen statt bis zur Notaufnahme zu warten — und die Operation, wenn sie ansteht, elektiv planen, nicht aus der Notlage heraus.

Wann Sie nicht abwarten sollten

Bei Fieber oder Schüttelfrost, Gelbfärbung von Augen oder Haut, dunklem Urin und hellem Stuhl, anhaltendem Erbrechen, Schmerz, der länger als sechs Stunden nicht nachlässt, oder neu auftretender Atemnot: zeitnah ärztlich abklären lassen. Dahinter kann eine entzündete Gallenblase, ein Gallengangsstein oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung stecken — das sind die Situationen, in denen aus „elektiv" eine dringliche Operation wird.

Was Sie mitnehmen können

  • Der Ultraschall zeigt die Steine, nicht die Ursache der Schmerzen — das Muster der Beschwerden entscheidet.
  • Bei Steinen mit typischen Koliken ist die Gallenblasenentfernung empfohlen, aber bei unkompliziertem Verlauf keine Notfallentscheidung.
  • Steine ohne Beschwerden werden in der Regel nicht operiert: 60 bis 80 Prozent bleiben dauerhaft beschwerdefrei.
  • Fieber, Gelbsucht oder ein Schmerz, der nicht nachlässt, sind der Grund, sofort abklären zu lassen.

Sources

• S3-Leitlinie 021-008 „Prävention, Diagnostik und Therapie von Gallensteinen" (DGVS/DGAV, Langfassung 2018, abgelaufen 29.11.2022): Leitlinien
• Kurzfassung der S3-Leitlinie (Dtsch Med Wochenschr 2019): PubMed
• C-GALL-Studie, Operation vs. Zuwarten (BMJ 2023): PubMed
• Stumme Gallensteine, Verlauf (PLoS One 2026): PubMed
• Fettzufuhr bei Gallensteinerkrankung (Cochrane 2024): PubMed
• Übersicht Gallensteinkrankheit (Dtsch Arztebl Int 2020): PubMed

References

• Gutt C, Schläfer S, Lammert F. The Treatment of Gallstone Disease. Dtsch Arztebl Int. 2020;117(9):148-158. PMID: 32234195. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0148
• Lammert F, Gutt C. [Prophylaxis, Diagnosis and Treatment of Gallstones - The Most Important Facts of the Updated S3-Guideline of the DGVS and DGAV]. Dtsch Med Wochenschr. 2019;144(3):194-200. PMID: 30703840. DOI: 10.1055/a-0649-5391
• Ahmed I, Hudson J, Innes K, Hernández R, et al. Effectiveness of conservative management versus laparoscopic cholecystectomy in the prevention of recurrent symptoms and complications in adults with uncomplicated symptomatic gallstone disease (C-GALL trial): pragmatic, multicentre randomised controlled trial. BMJ. 2023;383:e075383. PMID: 38084426. DOI: 10.1136/bmj-2023-075383
• Alzoubi M, Omar Saleh A, Omari FA, Shatnawi K, et al. Asymptomatic gallstones: Cumulative incidence proportion, incidence rate, and risk factors for symptoms development: Systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2026;21(3):e0345462. PMID: 41886405. DOI: 10.1371/journal.pone.0345462
• Madden AM, Smeeton NC, Culkin A, Trivedi D. Modified dietary fat intake for treatment of gallstone disease in people of any age. Cochrane Database Syst Rev. 2024;2(2):CD012608. PMID: 38318932. DOI: 10.1002/14651858.CD012608.pub3

Keine individuelle medizinische Beratung – dieser Text ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung.