Leitlinien-Update KW 37/2026: Chronischer Pruritus, neue S3 zur Psyche bei Herzpatienten

Diese Woche neu: die S2k-Leitlinie zum chronischen Pruritus in Version 7.0, eine angekündigte S3-Querschnittsleitlinie zur psychischen Gesundheit bei Herzpatienten, Chinas erste Leitlinie zur digitalen Raucherentwöhnung und ein spanischer Konsensus zum Remnant-Cholesterin.

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Leitlinien-Update — medizinische Fachinformation
📸 Unsplash

Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein kompakter Überblick über die neu veröffentlichten oder aktualisierten medizinischen Leitlinien — deutschsprachig, quellenbasiert und auf das reduziert, was für die Praxis relevant ist. Keine Pressemeldungen, keine Kongressberichte: nur Dokumente, die den medizinischen Standard tatsächlich verändern.

Das Wichtigste in 60 Sekunden

  • Chronischer Pruritus: Die AWMF hat die S2k-Leitlinie in Version 7.0 neu aufgelegt (Registernummer 013-048) — mit diagnostischem Stufenplan und Therapiepfaden nach Ursache.
  • Neue S3-Querschnittsleitlinie angekündigt: „Psychische Gesundheit bei kardiovaskulären Erkrankungen" (153-001) ist offiziell in Entwicklung.
  • China: erste Leitlinie zur digitalen Raucherentwöhnung — acht Empfehlungen, drei davon stark.
  • Spanien: Konsensus der Arteriosklerose-Gesellschaft zum Remnant-Cholesterin als eigenständigem Risikofaktor.

Chronischer Pruritus: Version 7.0 erschienen

Chronischer Juckreiz ist eines der häufigsten und zugleich am schlechtesten versorgten dermatologischen Symptome. Die AWMF hat die S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des chronischen Pruritus" in Version 7.0 veröffentlicht (Registernummer 013-048, AWMF-Meldung).

Die Neufassung spannt den Bogen von der Anamnese über die aktuelle Nomenklatur und Klassifikation bis zu einem stufenweisen diagnostischen Vorgehen — laborchemisch und bildgebend — bei Juckreiz unklarer Genese. Dieser Stufenplan ist als Algorithmus ausformuliert, also als konkreter Handlungsweg und nicht als lose Empfehlungssammlung. Im therapeutischen Teil folgt die Leitlinie dem Prinzip schrittweise und ökonomisch und trennt die Therapiepfade nach Ursache: nephrogener, hepatobiliärer, aquagener und paraneoplastischer Pruritus, Pruritus bei atopischer Dermatitis sowie die chronische Prurigo.

Was heißt das für die Praxis? Wer Patienten mit quälendem Juckreiz ohne klare Ursache betreut, findet hier den diagnostischen Pfad, an dem man sich entlanghangeln kann — inklusive der Frage, wann welche Laborwerte und welche Bildgebung sinnvoll sind. Transparenz-Hinweis: Welche Empfehlungen sich gegenüber Version 6.x konkret geändert haben, lässt sich aus der AWMF-Publikationsmeldung nicht ablesen. Statt Änderungen zu behaupten, die wir nicht belegen können, verweisen wir auf den Volltext — dieser Punkt gehört bei einer Leitlinie dieser Größe ohnehin in die eigene Lektüre.

Neue S3-Querschnittsleitlinie zur Psyche bei Herzpatienten

Die AWMF hat die Entwicklung einer neuen S3-Querschnittsleitlinie „Psychische Gesundheit bei Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen — Prävention, Diagnostik und Therapie" angemeldet (Registernummer 153-001, AWMF-Meldung).

Das Ziel ist ausdrücklich die Zusammenführung und Harmonisierung psychosozialer Inhalte, die derzeit verstreut in den verschiedenen kardiologischen Leitlinien stehen — ergänzt um evidenzbasierte Lückenfüllung. Das Ergebnis soll keine weitere Einzelleitlinie sein, sondern eine sektorenübergreifende, interdisziplinäre und interprofessionelle Querschnittsleitlinie.

Was heißt das für die Praxis? Noch nichts — und genau deshalb steht es hier. Anmeldungen sind der Vorlauf zu einer Publikation, oft ein bis drei Jahre. Wer depressiven oder ängstlichen Anteil bei kardiologischen Patienten aktuell nicht systematisch erfasst, sollte wissen, dass hier eine verbindliche S3-Vorgabe im Entstehen ist. Wir beobachten den Prozess weiter.

China: erste Leitlinie zur digitalen Raucherentwöhnung

Eine multidisziplinäre chinesische Gruppe hat die „Clinical practice guideline for digital smoking cessation technologies (2026 edition)" vorgelegt (PubMed 42706202). Methodisch folgt sie dem WHO-Handbuch zur Leitlinienentwicklung, dem GRADE-Ansatz und dem Evidence-to-Decision-Rahmen.

Die Leitlinie formuliert acht Empfehlungen für Rauchende ab 15 Jahren mit Aufhörwunsch — drei starke und fünf bedingte. Inhaltlich rücken Smartphone-Apps als begleitendes Instrument in den Vordergrund; bei der Auswahl soll Anwendungen der Vorzug gegeben werden, die professionelle psychologische Komponenten integrieren.

Was heißt das für die Praxis? Interessant ist weniger die einzelne Empfehlung als die Richtung: Digitale Raucherentwöhnung wird erstmals als eigener Leitliniengegenstand behandelt statt als Anhang der klassischen Tabakentwöhnung. Die Empfehlungsstärken liegen mit 1C bis 2B im moderaten Bereich — ein Signal, dass die Evidenz für digitale Angebote wächst, aber noch nicht als „stark" gilt.

Spanien: Remnant-Cholesterin als eigener Risikofaktor

Die Arbeitsgruppe COR (Remnant Cholesterol) der Spanischen Gesellschaft für Arteriosklerose hat ein Konsensusdokument zur atherogenen Dyslipidämie 2026 veröffentlicht (PubMed 42731917).

Das Dokument rückt das Remnant-Cholesterin in den Mittelpunkt — jenen Anteil der Triglycerid-reichen Lipoproteine, der nach konventioneller LDL-Berechnung schlicht „übrig" bleibt und deshalb in der Risikobewertung häufig unsichtbar ist.

Was heißt das für die Praxis? Relevant ist das für Patienten, die trotz gut eingestelltem LDL-C weiter Ereignisse erleiden. Das Konzept ist nicht neu, bekommt aber mit einem nationalen Konsensusdokument mehr Gewicht — und passt zu dem europaweiten Trend, Risiko zunehmend über das LDL hinaus zu bewerten.

Kurz notiert

  • ASCO Living Guideline, Version 2026.3.2: Therapie des Stadium IV NSCLC mit Treibermutationen wurde erneut aktualisiert (PubMed 42372216). Living Guidelines ändern sich im Wochenrhythmus — wer nach dem Stand behandelt, sollte die Version prüfen und nicht das Jahr.
  • ACMG-Positionspapier: ethische Fragen genetischer Tests auf Y-Chromosom bei Athleten (PubMed 42720180). Ein Dokument an der Grenze von Sportmedizin, Genetik und Fairness-Debatte — für die meisten Praxen ohne direkten Handlungsbedarf, für Sportmediziner und Gutachter aber grundlegend.

Quellen & Methodik

Grundlage dieser Ausgabe sind das AWMF-Register (offizieller Publikationskanal des AWMF, mit Registernummer, Versionsstand und Publikationsart) sowie PubMed mit dem Filter guideline/practice guideline für den Zeitraum 06.–13. September 2026. Für jeden Eintrag wird die Quelle verlinkt.

Bewusst nicht erfasst: die britische NICE, deren Publikationsliste nur clientseitig gerendert wird und sich nicht automatisiert auslesen lässt. Soweit NICE-Leitlinien in PubMed indexiert sind, sind sie enthalten; der Rest fehlt bewusst, statt Vollständigkeit zu behaupten. Ebenso gilt: Zu internationalen Leitlinien liegen hier Titel, Journal, Datum und Zusammenfassung vor — nicht der Volltext. Wo eine konkrete Änderung nicht belegbar war, steht das ausdrücklich so im Text.

Dieser Beitrag ist eine strukturierte Zusammenstellung wissenschaftlicher Fachinformation. Er ist keine individuelle medizinische Beratung und ersetzt weder die ärztliche Beurteilung des Einzelfalls noch die Lektüre der Originaldokumente.