Leitlinien-Update KW 39/2026: Strahlenschutz, Ösophagusperforation, DOAK

Neue AWMF-Leitlinie zum Strahlenschutz in der interventionellen Radiologie, ein STS-Konsens zur Ösophagusperforation und ein ACC-Statement zu direkten oralen Antikoagulanzien - dazu fünf laufende AWMF-Verfahren.

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Leitlinien-Update — medizinische Fachinformation
📸 Unsplash

Dieser wöchentliche Überblick fasst neu veröffentlichte oder aktualisierte Leitlinien zusammen - deutschsprachig und reduziert auf das, was für die Praxis zählt. Diese Ausgabe umfasst den 14. bis 21. September 2026: zwei AWMF-Publikationen, fünf laufende Verfahren und 13 internationale Leitlinien- und Konsensuspublikationen.

Das Wichtigste in 60 Sekunden

  • Strahlenschutz: AWMF-Leitlinie 039-094 (Version 1.0) erschienen; international wird eine verpflichtende Ausrüstung von Fluoroskopie-Laboren gefordert.
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie: S3-Leitlinie zu Störungen des Sozialverhaltens (028-020) in Version 6.0.
  • Ösophagusperforation: STS-Expertenkonsens mit zehn Empfehlungen, darunter die Bevorzugung der CT-Ösophagographie.
  • Antikoagulation: ACC-Statement zur Prävention thrombotischer Ereignisse mit direkten oralen Antikoagulanzien.
  • In Entwicklung: fünf AWMF-Anmeldungen, unter anderem zu hitzebedingten Erkrankungen und zum Klumpfuß - noch keine gültigen Vorgaben.

Strahlenschutz in der interventionellen Radiologie (AWMF 039-094)

Die AWMF meldet die Leitlinie Strahlenschutz in der Interventionellen Radiologie (Registernummer 039-094, AWMF-Meldung) in Version 1.0, veröffentlicht am 14.09.2026, Stand 02.11.2024, gültig bis 01.11.2029. Ziel ist ein Handlungsleitfaden für den optimierten Strahlenschutz von Personal und Patienten bei röntgenbasierten interventionell-radiologischen Verfahren; konkrete Dosisgrenzen nennt die Meldung nicht.

Für die Praxis: Für alle Fächer mit Durchleuchtungsbetrieb entsteht ein Referenzrahmen für Personal- und Patientenschutz mit Gültigkeit bis 2029.

Strahlenschutz international: Forderung nach verpflichtenden Schutzsystemen

Zeitgleich erschien ein Expert Consensus Statement in JACC: Cardiovascular Interventions (PMID 42446441, PubMed), getragen von sechs US-Fachgesellschaften aus Kardiologie, Rhythmologie, Echokardiographie, Radiologie und Gefäßchirurgie. Es benennt berufsbedingte Gefährdungen in Fluoroskopie-Laboren - Krebs, Katarakte, Fragen der Reproduktion sowie orthopädische Beschwerden durch schwere Schutzkleidung - und hält fest, dass moderne Schutzsysteme zwar verfügbar, wegen hoher Kosten und verzögert angepasster Grenzwerte aber kaum verbreitet sind. Gefordert wird eine verpflichtende Umsetzung im Sinne des ALARA-Prinzips.

Für die Praxis: Rechtlich ändert das Statement nichts, es zeigt aber: Der Stand der Technik eilt den Vorschriften voraus - Anlass genug, die eigene Schutzausrüstung zu prüfen.

Störungen des Sozialverhaltens: S3-Leitlinie in Version 6.0

Die AWMF meldet die aktualisierte S3-Leitlinie Störungen des Sozialverhaltens: Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (028-020, Version 6.0, AWMF-Meldung). Ziel sind evidenz- und konsensbasierte Standards für Identifikation, Diagnostik und psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, einschließlich Prävention und interdisziplinärer Kooperation. Welche Empfehlungen sich gegenüber der Vorversion geändert haben, geht aus der Meldung nicht hervor.

Für die Praxis: Relevant für alle, die Kinder und Jugendliche mit aggressivem oder regelverletzendem Verhalten mitbetreuen - von Pädiatrie und Kinderchirurgie bis zu Beratungsstellen.

Ösophagusperforation: Expertenkonsens der Society of Thoracic Surgeons

In den Annals of Thoracic Surgery erschien das STS (2026) Expert Consensus Document on Management of Esophageal Perforation (PMID 42753881, PubMed). Grundlage war eine systematische Recherche in PubMed und Embase (2010 bis 2024); die Aussagen wurden in einem modifizierten Delphi-Verfahren mit über 75 Prozent Zustimmung finalisiert. Aus zehn Empfehlungsaussagen werden unter anderem die Bevorzugung der CT-Ösophagographie gegenüber der fluoroskopischen Darstellung und die Option genannt, bei spontanem Pneumomediastinum ganz auf Bildgebung zu verzichten. Zum Vergleich endoskopischer Verfahren fehlen weitgehend randomisierte Studien.

Für die Praxis: Der Konsens gibt eine klare diagnostische Präferenz und erlaubt in definierten Fällen den Verzicht auf Bildgebung. Da Vergleichsdaten zu endoskopischen Strategien fehlen, bleibt die Verfahrenswahl eine interdisziplinäre Einzelfallentscheidung.

Direkte orale Antikoagulanzien: ACC-Scientific-Statement 2026

Im Journal of the American College of Cardiology erschien das 2026 ACC Scientific Statement: Direct Oral Anticoagulants in Primary and Secondary Prevention of Thrombotic Events (PMID 42377292, PubMed). Es beschreibt DOAK als bevorzugte orale Antikoagulanzien bei den meisten Patienten mit Vorhofflimmern und venöser Thromboembolie, mit besserem Sicherheitsprofil gegenüber Vitamin-K-Antagonisten. Zugleich benennt es Lücken: DOAK würden weiterhin zu wenig eingesetzt und teils unangemessen dosiert, besonders bei hohem thrombotischem Risiko. Behandelt werden unter anderem Vorhofflimmern, die Akut- und Langzeitbehandlung der venösen Thromboembolie sowie besondere Gruppen wie chronische Niereninsuffizienz, Krebs oder Adipositas.

Für die Praxis: Ein Scientific Statement ist eine Einordnung, keine neue verbindliche Leitlinie. Sein Wert liegt in der Systematisierung der Indikationsfelder und der Gruppen, bei denen Auswahl und Dosierung besonders sorgfältig zu prüfen sind.

Harnblasenkarzinom: ASTRO-Leitlinie zur Strahlentherapie

In Practical Radiation Oncology erschien die ASTRO-Leitlinie Radiation Therapy for Bladder Cancer (PMID 42744092, PubMed). Sie behandelt vier Fragenkomplexe: die blasenerhaltende kurativ intendierte Bestrahlung bei nicht metastasiertem Karzinom, Technik und Fraktionierung bei erhaltener Blase, die postoperative Bestrahlung sowie die palliative Bestrahlung. Grundlage sind eine systematische Literaturübersicht und eine vorab festgelegte Konsensmethodik.

Für die Praxis: Eine Referenz für Tumorboards, um zu prüfen, wann Blasenerhaltung mittels Bestrahlung diskutiert werden sollte.

Weitere internationale Publikationen

  • Akutes Kompartmentsyndrom: Interpretation der 2025 aktualisierten AAOS-Leitlinie mit acht Empfehlungen und sieben Konsensusaussagen, darunter die Aufwertung der Empfehlung zur frühzeitigen Frakturfixierung zu einer eingeschränkten Empfehlung (PMID 42749320, PubMed).
  • Vorabgenehmigungen in der Elektrophysiologie: Position der Heart Rhythm Society zu Vorabgenehmigungen als Hürde indizierter Versorgung (PMID 42754239, PubMed).
  • SOGC: Clinical Practice Guideline Nr. 471 zu Alkohol und Schwangerschaft (PMID 42753357, PubMed) - Screening und Beratung.
  • SFCE: Empfehlungen zu Thrombosen bei Kindern mit ALL - kein routinemäßiges Thrombophilie-Screening, keine regelhafte primäre Prophylaxe (PMID 42749602, PubMed).
  • Weitere: Leitlinienmethodik der AAGL (PMID 42749112, PubMed), Kommunikation in Krisenlagen (PMID 42744113, PubMed) und Qualitätsindikatoren zur Hidradenitis suppurativa (PMID 42762905, PubMed).

In Vorbereitung: AWMF-Anmeldungen (noch keine gültige Vorgabe)

Angemeldet, aber ausdrücklich noch keine gültige Empfehlung - bis zur Publikation gilt der bisherige Standard:

  • Klumpfuß (187-074): Standardisierung der Ponseti-Therapie samt Ausbildung, Weiterentwicklung von S1 auf S2k (AWMF).
  • CIDP im Kindesalter (022-031): Diagnostik, Therapie und interdisziplinäre Versorgung (AWMF).
  • Verhinderung von Zwang (038-022, Version 3.0): Prävention von Fremdgefährdung und Gewalteskalation im ambulanten und außerklinischen Kontext (AWMF).
  • Hitzebedingte Erkrankungen (113-009): Versorgung entlang der Rettungskette, insbesondere beim Hitzschlag (AWMF).
  • Gewalterfahrungen in Partnerschaften (054-003): Diagnostik, Dokumentation, Spurensicherung, Risikoabschätzung, Vermittlung (AWMF).

Quellen & Methodik

Grundlage sind die AWMF-Meldungen und die in PubMed gelisteten Leitlinien- und Konsensuspublikationen des Zeitraums. Drei Einschränkungen gehören zur Transparenz dazu: Für die internationalen Arbeiten lagen nur Titel, Journal, Datum und Kurzfassung aus PubMed vor, nicht der Volltext. Der AWMF-Newsfeed liefert nur die letzten drei Meldungen, weshalb täglich fortlaufend erfasst wird. Publikationen des britischen NICE sind bewusst nicht erfasst, weil dessen Übersichtsseite ohne Browser nicht auslesbar ist. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Orientierung über neue Leitlinienpublikationen. Er ersetzt weder die Lektüre der Originaldokumente noch eine individuelle medizinische Beratung. Für konkrete Patientenfälle sind die vollständigen Leitlinientexte und die ärztliche Beurteilung maßgeblich.