Akne inversa: Warum die Abszesse immer wiederkommen – und wann eine Operation hilft
Bei Akne inversa ist nicht der einzelne Abszess das Problem, sondern die Grunderkrankung. Die Leitlinie zeigt, welche Therapiestufen belegt sind – und wann eine Operation dauerhaft hilft.
Warum kommen die Abszesse immer wieder?
Akne inversa – auch Hidradenitis suppurativa genannt – ist keine „schlimme Akne“ und keine Folge mangelnder Hygiene, sondern eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Haartalgdrüsenapparats. Sie verläuft in Schüben mit schmerzhaften Knoten und Abszessen, vor allem in den Achseln, unter der Brust, in der Leistengegend und im Genital- und Analbereich; später kommen Narben und Fistelgänge hinzu. Nicht der einzelne Abszess ist also das Problem, sondern die Grunderkrankung, die ihn hervorbringt – wer nur den Abszess behandelt, bekommt den nächsten Schub. Die Diagnose wird klinisch gestellt: Wiederkehrende Läsionen in den letzten sechs Monaten mit mindestens zwei betroffenen Stellen sprechen mit 97 % Sicherheit dafür. In Deutschland dauert es im Schnitt rund zehn Jahre bis zur Diagnose, viele Betroffene tragen die Erkrankung lange ohne Namen mit sich. Ungewöhnliche Lokalisationen wie das Ohrläppchen sind selten und ein guter Grund, die Diagnose fachärztlich absichern zu lassen (Siehe auch: Abszess).
Welche Behandlung hilft – und in welcher Reihenfolge?
Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad. Bei milder Ausprägung ist topisches Clindamycin 1 % die empfohlene erste Option, bei mittelschwerer bis schwerer Ausprägung orales Doxycyclin 2 × 100 mg pro Tag (alternativ 2 × 50 mg) für höchstens zwölf Wochen; nach spätestens drei Monaten wird überprüft, ob die Antibiotikagabe noch sinnvoll ist oder gewechselt wird – eine dauerhafte Gabe ohne Erfolgskontrolle ist nicht vorgesehen. Reicht das nicht, kommen die zugelassenen Biologika Adalimumab (ab 12 Jahren) und Secukinumab infrage: In den Zulassungsstudien sprachen unter Adalimumab 42 % bzw. 59 % der Behandelten an (Placebo 26 % bzw. 28 %), unter Secukinumab 45 % bzw. 42 % (Placebo 34 % bzw. 31 %). Adalimumab lässt sich mit Antibiotika und mit einer Operation kombinieren. Ausdrücklich nicht empfohlen sind laut Leitlinie unter anderem Isotretinoin, Methotrexat und Etanercept (Siehe auch: Sprechstunde).
Wann bringt eine Operation dauerhaft Ruhe?
Der wichtigste Punkt zuerst: Einen Abszess nur aufzustechen und ablaufen zu lassen hilft akut, ist aber keine dauerhafte Lösung – die Leitlinie empfiehlt die alleinige Eröffnung und Drainage ausdrücklich nicht, weil die Rezidivrate bei 100 % liegt. Dauerhaft hilft das Entfernen des irreversibel geschädigten Gewebes: bei oberflächlichen Fistelgängen (Tunneln) das sogenannte Deroofing (Rezidivrate rund 17 % nach median drei Jahren), bei ausgedehnten, vorwiegend nicht-entzündlichen Befunden die komplette Exzision mit offener Wundheilung (rund 5 % Rezidive in einer Metaanalyse). Ein primärer Wundverschluss heilt schneller, rezidiviert aber häufiger (39–70 % gegenüber 12–24 %); wie oft es zurückkommt, hängt auch von der Körperregion ab. Medikamente und Operation zusammen bringen mehr als jedes für sich allein. „Entfernen lassen“ ist also keine letzte Verzweiflungstat, sondern bei der richtigen Ausprägung ein wirksamer, geplanter Schritt – aber nicht als alleiniges Aufstechen und nicht ohne begleitende medikamentöse Behandlung.
Was tatsächlich hilft. Zuerst die Grunderkrankung behandeln, nicht nur den Abszess: topisches Clindamycin bei milder Ausprägung, Doxycyclin für maximal zwölf Wochen mit Erfolgskontrolle nach drei Monaten, danach Adalimumab oder Secukinumab, wenn das nicht reicht. Bei geschädigten Knoten, Tunneln und Narben kommt das Entfernen des geschädigten Gewebes dazu (Deroofing oder Exzision), kombiniert mit der medikamentösen Therapie. Das einzelne Aufstechen bringt nichts Dauerhaftes.
Wann Sie nicht abwarten sollten. Wenn eine Entzündung rasch größer wird, die Haut heiß und stark schmerzhaft ist oder Fieber und ein allgemeines Krankheitsgefühl dazukommen, gehört das zeitnah ärztlich abgeklärt. Länger bestehende, schlecht heilende Wunden bei chronischer Akne inversa sollten regelmäßig kontrolliert und bei Verdacht auf eine bösartige Veränderung feingeweblich untersucht werden. Und wenn die Diagnose noch nicht gesichert ist oder die Beschwerden an ungewöhnlichen Stellen auftreten, sollte die Einschätzung fachärztlich erfolgen.
Was Sie mitnehmen können
- Akne inversa ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Haartalgdrüsenapparats — nicht der einzelne Abszess, sondern die Grunderkrankung muss behandelt werden, sonst kommt der nächste Schub (AWMF 013-012).
- Therapiestufen: bei milder Ausprägung topisches Clindamycin 1 %, bei mittelschwerer bis schwerer Ausprägung Doxycyclin 2 × 100 mg/d bis maximal zwölf Wochen, danach Erfolgskontrolle nach spätestens drei Monaten (AWMF 013-012).
- Reicht das nicht, sind Adalimumab und Secukinumab die zugelassenen Biologika; Adalimumab lässt sich mit Antibiotika und mit einer Operation kombinieren (AWMF 013-012; NEJM 2016; Lancet 2023).
- Nur aufstechen und drainieren ist keine dauerhafte Therapie (Rezidivrate 100 %); dauerhaft hilft das Entfernen des irreversibel geschädigten Gewebes — Deroofing bei oberflächlichen Tunneln, sonst komplette Exzision mit offener Wundheilung (AWMF 013-012).
Sources
• AWMF / DDG: S2k-Leitlinie zur Therapie der Hidradenitis suppurativa / Acne inversa (Registernummer 013-012), Version 6.0, Stand 01.05.2024 — register.awmf.org
• Kimball AB, et al. Two Phase 3 Trials of Adalimumab for Hidradenitis Suppurativa (PIONEER I und II) — PubMed 27518661
• Kimball AB, et al. Secukinumab in moderate-to-severe hidradenitis suppurativa (SUNSHINE and SUNRISE) — PubMed 36746171
References
• Zouboulis CC, Bechara FG, Fritz K, Goebeler M, Hetzer FH, Just E, Kirsten N, Kokolakis G, Kurzen H, Nikolakis G, Pinter A, Podda M, Rosinski K, Schneider-Burrus S, Taube KM, Volz T, Winkler T, et al. S2k guideline for the treatment of hidradenitis suppurativa / acne inversa – Short version. J Dtsch Dermatol Ges 2024;22(6):868–889. PMID 38770982, DOI 10.1111/ddg.15412. (Deutsche Langfassung: AWMF-Registernummer 013-012, Version 6.0, Stand 01.05.2024, gültig bis 30.04.2029.)
• Kimball AB, Okun MM, Williams DA, Gottlieb AB, Papp KA, Zouboulis CC, Armstrong AW, Kerdel F, Gold MH, Forman SB, Korman NJ, et al. Two Phase 3 Trials of Adalimumab for Hidradenitis Suppurativa. N Engl J Med 2016;375(5):422–434. PMID 27518661, DOI 10.1056/NEJMoa1504370.
• Kimball AB, Jemec GBE, Alavi A, Reguiai Z, Gottlieb AB, Bechara FG, Paul C, Giamarellos Bourboulis EJ, Villani AP, Schwarcz A, et al. Secukinumab in moderate-to-severe hidradenitis suppurativa (SUNSHINE and SUNRISE): week 16 and week 52 results of two identical, multicentre, randomised, placebo-controlled, double-blind phase 3 trials. Lancet 2023;401(10378):747–761. PMID 36746171, DOI 10.1016/S0140-6736(23)00022-3.
Keine individuelle medizinische Beratung – dieser Text ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung.