Sprechstunde – Steißbeinfistel: Nicht jede muss operiert werden – und die Naht in der Mitte sollte es nicht sein
Muss eine Steißbeinfistel immer entfernt werden? Nicht jede – und eine Naht in der Mittellinie sollte es nicht sein.
Muss sie raus?
Nein. Für den beschwerdefreien Sinus pilonidalis sagt die S3-Leitlinie (AWMF 081-009, Fassung 3.0) wörtlich: „Ein asymptomatischer Sinus pilonidalis bedarf keiner Behandlung." Ein Abszess dagegen soll „zeitnah operativ ausreichend drainiert werden". Bei der chronischen Form mit Absonderung ist eine spontane Abheilung „sehr unwahrscheinlich" — hier ist die Operation eine planbare Entscheidung (Siehe auch: Abszess).
Welche Technik?
Bei begrenztem, unkompliziertem Befund sind minimal-invasive Verfahren die Behandlungsoption erster Wahl — dafür mit höherer Rezidivrate. Ausschneiden mit plastischem Verschluss bleibt ausgedehnten und wiederkehrenden Befunden vorbehalten. Der praktisch wichtigste Punkt: Eine Naht direkt in der Mittellinie soll nicht durchgeführt werden — wegen mehr Rezidiven und mehr Wundheilungsstörungen. Stattdessen off-midline: Limberg, Karydakis, Cleft lift (Siehe auch: Analfissur).
Wie lange krank?
Eine offen gelassene Wunde heilt über 1,5 bis 3 Monate, die Arbeitsunfähigkeit liegt im Mittel bei etwa einem Monat. Plastische Verfahren heilen meist in 1 bis 3 Wochen so weit, dass Arbeit wieder möglich ist — dafür häufiger Wundheilungsstörungen. Die Leitlinie hält fest: keine Methode ist gleichzeitig einfach, schmerzarm, schnell heilend und rezidivarm.
Was tatsächlich hilft. Bei offener Wunde entscheidet die Pflege, nicht das Verbandsmaterial: mehrfach täglich mit Leitungswasser ausduschen und ein Verkleben der Hautränder verhindern. Spezialverbände verkürzen die Heilung nicht, eine Vakuumtherapie soll nicht durchgeführt werden, eine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe ist nicht empfohlen. Rauchen verdoppelt das Rezidivrisiko, und die meisten Rückfälle kommen in den ersten zwei Jahren. Bei Betroffenen unter 22 Jahren empfiehlt die Leitlinie zusätzlich zur Operation eine Laser-Haarentfernung.
Wann Sie nicht abwarten sollten. Starke Schmerzen, Rötung, Schwellung, Eiter, Fieber oder nicht mehr sitzen können: zeitnah ärztlich vorstellen. Das sind Zeichen eines Abszesses — der soll entlastet werden, auch nicht erst nach dem Urlaub.
Was Sie mitnehmen können
- Ohne Beschwerden muss sie nicht behandelt werden — beobachten ist eine legitime Option.
- Ein Abszess gehört zeitnah entlastet, nicht bis nach dem Urlaub verschoben.
- Vor der Operation nach der Technik fragen — und ob und wo genäht wird. Mittellinie: nein.
- Die Heilungsdauer ist die Entscheidungsgröße: offen 1,5–3 Monate bei ca. einem Monat Arbeitsunfähigkeit, plastisch 1–3 Wochen mit mehr Wundheilungsproblemen.
Sources
• S3-Leitlinie Sinus pilonidalis, AWMF-Registernummer 081-009, Fassung 3.0 — Detailseite im AWMF-Register
• Al-Khamis et al., Cochrane Database Syst Rev 2010 (26 RCT, n = 2530) — PubMed 20091589
• McCallum et al., BMJ 2008 (18 RCT, n = 1573) — PubMed 18390914
• Tokocin et al., Int Wound J 2026 (n = 2222, Follow-up ≥ 5 Jahre) — PubMed 42633928
References
• S3-Leitlinie Sinus pilonidalis. AWMF-Registernummer 081-009, Fassung 3.0 (2026). register.awmf.org/de/leitlinien/detail/081-009
• Al-Khamis A, McCallum I, King PM, et al. Healing by primary versus secondary intention after surgical treatment for pilonidal sinus. Cochrane Database Syst Rev 2010;2010(1):CD006213. PMID 20091589, DOI 10.1002/14651858.CD006213.pub3.
• McCallum IJ, King PM, Bruce J. Healing by primary closure versus open healing after surgery for pilonidal sinus: systematic review and meta-analysis. BMJ 2008;336(7649):868–871. PMID 18390914, DOI 10.1136/bmj.39517.808160.BE.
• Tokocin M, Yigitbas H, Yavuz E, et al. Surgical treatment outcomes for primary pilonidal sinus disease: a single-centre retrospective study of 2222 patients (2006–2020). Int Wound J 2026;23(8):e71018. PMID 42633928, DOI 10.1111/iwj.71018.
Keine individuelle medizinische Beratung – dieser Text ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung.